Warum Dankbarkeit nicht immer gesund ist
Schreibe jeden Morgen 5 Dinge auf, für die du dankbar bist. Wer kennt es nicht. Dieser Ratschlag begegnet uns überall — in Self-Help-Büchern, auf Instagram, in Coaching-Programmen und Wellness-Apps. Ich sage nicht, dass er falsch ist, es ist nur nicht vollständig.
Ich bin dankbar für diese Übung — aber ganz im Sinne von Positiv-Thinking schadet es uns, wenn wir dadurch unsere wahren Gefühle und Emotionen deckeln. Und das brauchen wir am Allerwenigsten.
Wenn Dankbarkeit zur Flucht wird
Es gibt einen feinen, kaum sichtbaren Unterschied zwischen echter Dankbarkeit und dem, was Psychologen als „Toxic Positivity“ bezeichnen. Wenn wir jeden Morgen brav unsere fünf Punkte aufschreiben — obwohl wir eigentlich wütend sind, erschöpft, traurig, überfordert — dann trainieren wir uns nicht in Dankbarkeit. Dann trainieren wir uns im Verdrängen.
Gerade für uns Spirituelle, Hochsensible, Neurodivergente und alle, die intensiv fühlen: Wir spüren oft mehr. Tiefer. Nuancierter. Und das ist eine Gabe. Aber diese Gabe braucht Raum — keinen Deckel.
Wenn ich jeden Morgen in mein Notizbuch schreibe: „Ich bin dankbar für meinen Körper“, obwohl mein Körper sich gerade erschöpft und fremd anfühlt — dann lüge ich mich an. Und spirituelle Entwicklung, echte Transformation, beginnt niemals in der Lüge. Sie beginnt in der Wahrheit.
Was stattdessen hilft: Bilanz ziehen
Wie wär’s mit was Anderem? Realität. Knallhart. Radikal. Ich nenne das gerne „Bilanz ziehen“. Nüchtern. Ungeschnörkelt. Ohne Vorwürfe. Einfach mal den Istzustand betrachten, aufschreiben, Bilanz ziehen.
Vier Fragen, die ich dir mitgeben möchte:
- Wo stehe ich gerade?
- Was ist gerade faktisch los?
- Soll es so bleiben?
- Was, wie, wo kann ich konkret ändern?
Das klingt einfach. Ist es nicht. Denn ehrlich hinzuschauen — ohne Drama, ohne Selbstgeißelung, ohne Beschönigung — ist eine der mutigsten Dinge, die du tun kannst. Die meisten Menschen meiden diesen Blick ein Leben lang.
Ehrlichkeit mit dir selbst ist die höchste spirituelle Praxis
Wir leben in wilden Zeiten, und wilde Konzepte erhaschen uns. Das Verrückteste für unseren Verstand: In all dem ist Wahrheit.
Dankbarkeit ist förderlich und tut gut — das stimmt. Delulu-Sein hilft unseren Manifestationsabsichten — auch das hat seine Berechtigung. Wer kennt nicht die Kraft des „als ob“, das Spielen mit Möglichkeiten, das Ausdehnen in die eigene Vorstellungskraft?
Die Krönung von allem aber ist Ehrlichkeit mit uns selbst.
Wir wissen es nun: Authentizität soll laut Studien die höchste Frequenz in uns erzeugen. Frequenz ist „the Master of all roads“. Dankbarkeit schwingt uns auf. Schattenthemen halten uns unten. Und uns selbst wirklich zu kennen und wahrhaftig ehrlich mit uns zu sein — das ist die Basis für ein wirklich kraftvolles, freies Leben.
Wir müssen unsere Scham kennen und unsere Schuld, unsere Angst und unser tiefstes Begehren. Das bedeutet nicht, darin zu versinken. Es bedeutet, hinzuschauen. Anzuerkennen, was ist. Denn: Anerkennen, was ist, macht dankbar, demütig, stark und frei.
Der Schatten als Wegweiser
Carl Gustav Jung beschrieb den Schatten als jenen Teil von uns, den wir im Unbewussten vergraben haben — alles, was wir als zu beschämend, zu schwach, zu dunkel, zu impulsiv empfanden. Wir lernen früh, diese Anteile zu verstecken. Vor anderen. Vor uns selbst.
Aber der Schatten verschwindet nicht, wenn wir ihn ignorieren. Er zeigt sich in Mustern. In Beziehungen, die sich wiederholen. In Triggern, die uns überraschen. In dem Gefühl, irgendwie nicht ganz frei zu sein — egal, wie viele Affirmationen wir sprechen.
Alles, was wir verdrängen, verdrängt früher oder später uns.
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Wenn du jeden Morgen Dankbarkeit auf eine offene Wunde kleisterst, wächst die Wunde nicht zu. Du spürst sie nur nicht mehr — bis sie es fordert, dass du sie siehst.
Bilanz ziehen ist keine Nabelschau. Es ist keine Einladung in endlose Grübelspiralen. Es ist ein ehrlicher, kurzer, klarer Check-in mit dir selbst. Wie ein guter Freund, der fragt: „Hey, wie geht’s dir wirklich?“ — und die Antwort aushält.
Wenn das kontrollierende Manifestieren aufhört
Das Interessante ist: Je mehr wir in uns aufräumen, desto weniger versuchen wir aus unserem Ego heraus zu manifestieren. Eigentlich verschwindet das kontrollierende Manifestieren sogar.
Es wird eher zum Spiel mit dem Leben, zum Ausdruck unserer ureigenen Natur. Nach dem Motto: Dein Wille geschehe. Und ergänzend: Dein Wille und mein Wille sind eins. Zur Schöpferin werden
Das ist der Punkt, an dem Spiritualität aufhört, Flucht zu sein — und anfängt, Heimkommen zu sein. Wenn du nicht mehr ständig versuchen musst, das Leben in eine bestimmte Richtung zu zwingen, weil du weißt, wer du bist. Weil du dir vertraust. Weil du gelernt hast, dass deine tiefste Wahrheit dich sicher trägt.
Eine Praxis, keine Perfektion
Lass uns hier konkret werden. Das Ziel ist nicht, die Dankbarkeits-Praxis wegzuwerfen. Das Ziel ist, sie um Tiefe zu ergänzen.
Du könntest zum Beispiel so vorgehen: Schreibe zunächst drei Sätze über das, was gerade wirklich ist. Keine Wertung. Keine Lösung. Nur: Was ist der Istzustand? Danach — und erst danach — drei Dinge, für die du dankbar bist. Spürst du den Unterschied? Das zweite kommt nicht mehr aus Pflicht. Es kommt aus einem echten Erleben von Kontrast. Und das fühlt sich anders an.
Dieser Unterschied ist der Schlüssel. Echte Dankbarkeit entsteht nicht im Kopf. Sie entsteht im Körper — als Reaktion auf das, was wir wirklich sehen und fühlen.

Für die Hochsensiblen und Neurodivergenten unter uns
Wenn du eine intensive innere Welt hast, dann weißt du, wie viel Energie es kostet, diese Welt zu managen. Zu regulieren. Manchmal auch zu verstecken.
Dankbarkeits-Journaling kann sich dann anfühlen wie: „Ich muss jetzt gut drauf sein.“ Und das ist eine Last, keine Befreiung.
Was dir stattdessen helfen kann: Erlaubnis. Die Erlaubnis, heute müde zu sein. Frustriert. Überfordert. Ohne sofort eine spirituelle Lektion daraus ableiten zu müssen. Manchmal ist ein schwerer Tag einfach ein schwerer Tag. Und wenn du das ehrlich aufschreibst — „Heute ist es schwer. Ich weiß nicht warum. Ich lasse es zu.“ — dann passiert etwas Interessantes: Der Druck lässt nach. Der Körper atmet auf. Und oft, ganz organisch, folgt darauf echte Dankbarkeit. Nicht erzwungen. Einfach wahr.
Fazit: Zwei Praktiken, eine Wahrheit
👉 Wenn deine Dankbarkeits-Praxis dir dient, behalt sie. Sie hat ihren Platz.
👉 Ergänze sie um ein regelmäßiges Bilanz-Ziehen. Schau hin. Sei ehrlich. Lass das, was ist, wirklich sein.
👉 Ehrlichkeit mit uns selbst macht uns frei und stark, für das Leben zu gehen, das sich aus unserer tiefsten Wahrheit heraus schälen will.
Hingabe ist das süße Versprechen deiner Seele, nach Hause zu finden.
Unsere wahre Kraft ruht darin, uns selbst zu kennen. Das bringt dich zu deinem süßen Spot — dem Zentrum deiner inhärenten Macht, aus dem du dein Leben in Hingabe und Anmut lenken und annehmen kannst.
Du musst nichts erzwingen. Du musst nichts übertünchen. Du darfst einfach — wahr sein.
Gehab dich wohl.
So long.
Pfade der Kraft







