Es gibt Götter, die kommen und gehen. Kulte, die entstehen und verschwinden. Religionen, die sich wandeln, überlagern, verdrängen. Und dann gibt es Inanna.
Sie ist älter als alles, was wir kennen. Älter als Zeus. Älter als Isis. Älter als die meisten Mythen, die dir je erzählt wurden. Inanna ist die sumerische Göttin der Liebe, des Krieges, der Fruchtbarkeit und der Unterwelt – und sie existiert seit mindestens 3500 Jahren vor Christus im kollektiven Gedächtnis der Menschheit. Das ist kein Zufall. Das ist eine Botschaft.
Denn Inanna ist nicht einfach eine alte Göttin aus einem Schulbuch. Inanna ist ein Spiegel. Und wenn du lernst, in diesen Spiegel zu schauen, siehst du dich selbst – in deiner ganzen weiblichen Tiefe, Komplexität und Kraft.
Wer ist Inanna?
Bevor wir in die Tiefe gehen: ein wenig Kontext.
Inanna stammt aus dem alten Sumer – dem Zweistromland zwischen Tigris und Euphrat, dem heutigen Irak. Sie ist die Göttin des Himmels und der Erde, der erotischen Liebe und des Krieges, der Fülle und der Vernichtung. Später wurde sie in der babylonischen Mythologie als Ischtar bekannt, in der phönizischen Welt als Astarte, und viele Forscher sehen in ihr eine Vorläuferin der Isis, Aphrodite und Venus.
Ihr bekanntester Mythos – und für uns der bedeutsamste – ist der Abstieg in die Unterwelt.
Die Geschichte geht so: Inanna entscheidet sich bewusst dafür, in die Unterwelt hinabzusteigen. Zu ihrer Schwester Ereshkigal, der Göttin des Todes und der Dunkelheit. Warum, ist nicht vollständig überliefert. Einige Quellen sagen, sie wollte Macht über die Unterwelt gewinnen. Andere, sie wollte ihre Schwester besuchen. Wieder andere interpretieren es als die Neugier der vollständigen Erfahrung – sie hatte die Oberwelt, sie wollte auch das Unterste kennen.
Auf diesem Weg passiert sie sieben Tore. An jedem Tor muss sie etwas ablegen: erst ihre Krone, dann ihre Halskette, ihr Brustschmuck, ihr Gürtel, ihre Armbänder, ihr Messgefäß, und schließlich ihr königliches Gewand. Sie steigt hinab in vollständiger Nacktheit, in vollständiger Verletzlichkeit. Und in der Unterwelt stirbt sie.
Drei Tage und drei Nächte hängt sie an einem Haken.
Dann wird sie zurückgeholt – aber nicht ohne Preis.

Was hat das mit dir zu tun?
Alles.
Dieser Mythos ist kein altes Märchen. Er ist eine präzise psychologische Karte – und zwar speziell für die weibliche Psyche.
Carl Gustav Jung und später seine Nachfolgerinnen wie Clarissa Pinkola Estés haben archetypische Bilder aus Mythen und Märchen als Fenster zur menschlichen Seele beschrieben. Archetypen sind universelle Muster des Unbewussten – Bilder und Energien, die sich durch Kulturen, Zeitalter und Generationen ziehen, weil sie etwas fundamental Menschliches abbilden.
Inanna ist für die weibliche Psyche das, was der Held für die männliche ist: nicht eine nette Geschichte, sondern ein Initiationsmuster.
Denn Frauen steigen hinab. Ob sie es wollen oder nicht. In die Trauer. In die Erschöpfung. In die Leere nach einem Ende. In die Dunkelheit einer Krise. In die Tiefe nach einem Verlust. In den Teil von sich selbst, den sie jahrelang verdrängt, ignoriert oder verleugnet haben.
Und an jedem dieser Tore – an jedem Übergang – werden sie etwas loswerden, was sie einmal für sich gehalten haben. Eine Identität. Eine Rolle. Eine Überzeugung. Ein Bild davon, wer sie sind.
Das ist Inannas Weg. Das ist dein Weg.
Frag dich ehrlich: In welche Unterwelt bist du in deinem Leben schon gestiegen? Was hast du an den Toren zurückgelassen? Und bist du jemals vollständig wieder aufgetaucht?
Inanna und die Polarität der weiblichen Energie
Was Inanna so radikal macht – und warum sie für die moderne Frau so relevant ist – ist ihre Weigerung, sich auf eine Seite zu reduzieren.
Sie ist Göttin der Liebe und des Krieges. Fülle und Zerstörung. Licht und Unterwelt.
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Das ist keine Widersprüchlichkeit. Das ist Vollständigkeit.
Wir sind in einer Kultur groß geworden, die Frauen lehrt, ihre Energie zu halbieren. Sei sanft, nicht wild. Sei fürsorglich, nicht kämpferisch. Sei schön, nicht gefährlich. Sei zugänglich, nicht unnahbar. Diese Botschaften sitzen tief – in uns als Individuen, aber auch kollektiv im weiblichen Energiefeld.
Inanna sagt: Nein.
Sie verkörpert das, was viele Frauen verlernt haben zu integrieren: die dunkle, wilde, eigenwillige Seite der weiblichen Kraft – neben der Sanftheit, neben der Liebe, neben der Fülle. Nicht stattdessen. Daneben. Als gleichwertiger Teil.
Wenn du dich selbst immer wieder in die gleichen erschöpfenden Muster bringst – immer gibst, immer funktionierst, immer verfügbar bist – dann ist das kein Zufall. Das ist ein Archetyp, der in dir schläft. Es ist Inanna, die wartet.

Inanna & das Sakralchakra – das energetische Zentrum der weiblichen Schöpfungskraft
Wenn wir Inanna auf den Energiekörper der Frau beziehen, landet sie unweigerlich im Sakralchakra – dem zweiten Energiezentrum, das sich im Unterbauch befindet, etwa drei Fingerbreit unterhalb des Nabels.
Das Sakralchakra – auf Sanskrit Svadhisthana, was so viel bedeutet wie „Wohnstätte des Selbst“ – ist das Zentrum von Kreativität, Sexualität, Emotionen, Lust, Intuition und dem zyklischen Empfinden von Leben. Es ist das Energiezentrum, das stärker als alle anderen mit dem archetypischen Weiblichen verbunden ist – mit dem Fließen, dem Empfangen, dem Gebären. Nicht nur von Kindern. Von Ideen, Projekten, Visionen, neuen Lebensrealitäten.
Hier lebt Inannas Urenergie. Das Sakralchakra ist ihr Thron.
Und gleichzeitig ist sie die Göttin, die von diesem Thron aufsteht und hinabsteigt. Die sieben Tore ihrer Reise – an denen sie Schmuck, Gewand und Krone ablegt, Schicht für Schicht – lesen sich in der energetischen Betrachtung als ein Reinigungsprozess des gesamten Energiekörpers. Alles Fremde, alles Aufgezwungene, alles Übernommene wird abgetragen. Tor für Tor. Chakra für Chakra.
Was übrig bleibt, wenn alles gefallen ist?
Die Urenergie. Das Sakralchakra. Der Ort, der während des gesamten Abstiegs weitergeglüht hat – unberührt, unerschöpft. Sie steigt hinab durch alle sieben Schichten. Aber sie kehrt über dieses Zentrum zurück. Es ist Ausgangspunkt und Heimkehrort zugleich.
Wenn das Sakralchakra blockiert ist, zeigt sich das oft so: mangelnde Kreativität, Freudlosigkeit, Kontrollbedürfnis, Schwierigkeiten mit Intimität, emotionale Taubheit – oder das Gegenteil: emotionale Überwältigung, Schuldgefühle rund um Lust und Genuss, das Gefühl, von sich selbst abgeschnitten zu sein.
Das ist das Inanna, die ruft. Sie möchte, dass du hinabsteigst. Nicht um zu leiden – sondern um zurückzufinden.
Das kollektive weibliche Erwachen und Inanna
Wir erleben gerade etwas Bemerkenswertes im kollektiven Feld. Frauen weltweit erwachen zu ihrer tiefen, archetypischen Kraft. Das ist keine esoterische Übertreibung – das ist sichtbar. In der Literatur, in der Kunst, in Bewegungen, in der Psychologie, in der Spiritualität.
Und Inanna ist Teil dieses Erwachens.
Wenn Götterbilder plötzlich wieder auftauchen, wenn alte Archetypen in Büchern, Podcasts, auf Instagram-Seiten, in Meditationen und Ritualen aktiviert werden, dann ist das kein Zufall. Das kollektive Unbewusste arbeitet. Und es arbeitet durch uns.
Jede Frau, die beginnt, ihre eigene Dunkelheit anzunehmen, die aufhört, ihre Wut wegzulächeln, die lernt, Grenzen zu setzen und in ihrer Kraft zu stehen statt sich anzupassen – sie channelt Inanna. Bewusst oder nicht.
Die Frage ist: Machst du es unbewusst – und wirst immer wieder durch die gleichen Tore gezogen, ohne zu verstehen warum? Oder gehst du es bewusst an, mit Klarheit, mit Ritual, mit einer inneren Ausrichtung auf das, was du wirklich bist?
Das ist der Unterschied zwischen einem Leben, das dir passiert, und einem Leben, das du führst.
Was bedeutet Inanna für dich – konkret, heute?
Inanna ist eine lebendige Energie – und sie ist in dir.
Sie ist die Stimme, die sagt: Ich will mehr. Die Ungeduld, die dich treibt, auch wenn du nicht weißt, wohin. Das Feuer, das nicht erlischt, egal wie müde du bist. Die Trauer, die sich immer wieder meldet. Die Wut, die du so lange hinunterschluckst.
Sie ist auch die Lust, die Freude, die Schöpfungskraft, der Wunsch nach tiefer Verbindung – mit dir selbst, mit anderen, mit dem Leben.
Wenn du Inanna in dein Bewusstsein einlädst, dann lädst du das ein: die Bereitschaft, vollständig zu sein. Nicht nur die angenehmen Teile. Nicht nur die Stärke, nicht nur die Sanftheit. Alles.
Und das ist keine leichte Einladung. Aber es ist die ehrlichste, die ich kenne.
Stell dir selbst diese Frage – und bleib wirklich damit: Welchen Teil von mir habe ich an den Toren zurückgelassen?
Vielleicht ist es Zeit, ihn zurückzuholen.
Die erschöpfte Heilerin heilt niemanden
Dieser Artikel ist Teil der Inhalte auf Pfade der Kraft – für moderne Zauberinnen. Wenn du tiefer in die weibliche Energie, Archetypen und deine eigene Kraft eintauchen möchtest, bist du hier richtig.
So long. Gehab dich wohl.
Pfade der Kraft







