Mabon Ritual: Herbst-Tagundnachtgleiche und Persephone

Tag und Nacht halten sich für einen Moment die Waage- bevor Persephone ihren Abstieg beginnt.

Am 23. September stehen Tag und Nacht für einen Moment exakt im Gleichgewicht. Danach kippt die Waage. Von diesem Punkt an wird jeder Tag ein Stück dunkler, bis Samhain die Schwelle endgültig überschreitet. Die alten Traditionen nannten diesen Moment Mabon- das zweite Erntefest, den Punkt, an dem eingebracht werden muss, was noch eingebracht werden kann, bevor der Winter beginnt.

In der Symbolik des Rads des Jahres ist Mabon noch etwas anderes: der Moment, in dem Persephone sich auf ihren Abstieg vorbereitet. Sie ist noch hier, aber sie steht bereits an der Schwelle. Was sie in diesen letzten Tagen des Lichts tut, entscheidet, womit sie in die Dunkelheit geht.

 

Jedes Jahr im Spätsommer

 

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber jedes Jahr im Spätsommer erhascht mich ein kleiner Schmerz, so eine Art von Wehmut, die ein geheimnisvolles Ende ankündigt. Vielleicht, weil ich ein Sommerkind bin oder weil wir verwoben sind mit dem Rhythmus des Lebens. Im Frühjahr ist alles jung und voller Möglichkeit. Wir beginnen, zu säen, wortwörtlich und im Sinne unserer geistigen Schöpferkraft. Im Sommer blüht alles und auch wir und unsere Pläne stehen in voller Blüte. Wenn der Herbst naht, kündigt sich ein imaginäres Ende an. Wir wissen, dass nichts wirklich endet, dass sich die Kraft der Natur zurück zieht, um im kommenden Frühjahr von Neuem zu beginnen. Wenn sich also alles im Übergang befindet, wenn die Kleider wieder dicker werden, wenn ich langsam nicht mehr Barfuß wandern kann, schaltet sich bei mir etwas um. Ein gesunder Pragmatismus, der sich in Anbetracht des Unausweichliche in mir meldet. Sobald ich mir des Wandels bewusst bin, beginne ich, ihn zu begrüßen.

Auch das ist Leben. Auch das ist Schönheit. Auch das ist Möglichkeit. Auch das ist Mutter Erde.

Wenn Mabon im Feld ist, lasse ich ihre Wirkkraft ein. Was könnte dies besser, als ein kleines Ritual.

Ich wünsche dir viel Freude mit diesem Text zu Marbon und ihrer Repräsentantin, die ich dafür gewählt habe, Persephone. Und wenn du magst, lade ich dich herzlich zum kleinen Ritual ein, wie ich es unten beschreibe.

 

Persephone– zwischen zwei Welten

Persephones Geschichte wird oft auf ihre Entführung durch Hades reduziert- ein Mythos über Ohnmacht. Doch die tiefere Ebene zeigt etwas anderes: Persephone ist die einzige Gottheit, die zwischen zwei Welten pendelt, bewusst, jede Saison aufs Neue. Sie ist nicht nur Opfer eines Übergangs, den sie nicht gewählt hat- sie wird im Laufe ihrer Geschichte zur Königin der Unterwelt, zu einer Figur, die in der Dunkelheit genauso souverän herrscht wie ihre Mutter Demeter über die Ernte im Licht.

Mabon ist der Punkt, an dem diese zweite Persephone bereits sichtbar wird. Nicht die Frau, die genommen wurde, sondern die, die selbst geht, weil sie weiß, was sie in der Unterwelt zu tun hat. Anders als Hekate, die am Scheideweg die Fackel hält und begleitet, ist Persephone diejenige, die die Reise selbst antritt. Sie steht nicht neben der Schwelle. Sie überschreitet sie.

Diese Unterscheidung ist wichtig für die Arbeit mit Mabon. Es geht nicht darum, jemanden um Führung zu bitten. Es geht darum, sich selbst zu fragen, was man mitnehmen will, wenn man weiß, dass die Reise unausweichlich bevorsteht.

Was willst du mitnehmen?

Mabon- Die Tagundnachtgleiche

 

Mabon steht für ehrliche Bilanz, nicht für Feiern um des Feierns willen. Die Tagundnachtgleiche macht sichtbar, was das ganze Jahr über gewachsen ist- und was nicht. Ein Feld, das im Frühling nicht bestellt wurde, trägt im Herbst keine Frucht, egal wie sehr man sich das wünscht. Diese Nüchternheit ist unbequem, aber sie ist der Kern des Festes.

Mabon steht außerdem für das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen. Ein echtes Erntefest bedeutet nicht nur, einzusammeln, was gewachsen ist, sondern auch anzuerkennen, was man dafür investiert hat- an Energie, an Aufmerksamkeit, an wiederholten Gedanken. Wer erntet, ohne zu würdigen, was gesät wurde, verpasst die eigentliche Lektion des Festes.

Und Mabon steht für den bewussten Übergang. Anders als Samhain, das den vollständigen Bruch markiert, ist Mabon die letzte Gelegenheit, im Licht zu ordnen, bevor die Dunkelheit übernimmt. Es ist der Moment vor dem Abstieg, nicht der Abstieg selbst.

 

Die tiefere Wahrheit: Ernte statt Ernten-wollen

 

Die meisten Menschen gehen in den Herbst mit der Frage, was sie noch schnell erreichen können, bevor das Jahr sich neigt. Mabon verlangt eine andere Frage:

Was ist bereits gewachsen, ob du hingesehen hast oder nicht?

Deine Gedanken der letzten Monate, deine wiederholten Überzeugungen, deine tatsächlichen Handlungen- all das hat bereits Frucht getragen. Die Ernte liegt nicht in der Zukunft. Sie liegt bereits vor dir, sichtbar, wenn du bereit bist, ehrlich hinzusehen.

Das ist der Punkt, an dem Bewusstsein und Realität sich unmittelbar berühren. Was du in den hellen Monaten wiederholt gedacht und getan hast, hat sich als Muster verankert- als neuronale Bahn, die inzwischen so oft begangen wurde, dass sie zur automatischen Reaktion geworden ist. Deine Ernte ist also nicht nur das, was in deinem Leben äußerlich passiert ist. Sie ist auch die Version von dir, die sich durch Wiederholung gefestigt hat.

Eine moderne Zauberin, die Mabon für sich nutzen möchte, fragt nicht:

Was will ich noch manifestieren, bevor das Jahr endet?

Sie fragt:

Was habe ich bereits manifestiert, ohne es bewusst zu bemerken?

Diese Frage ist unbequemer, weil sie keine Ausrede für Untätigkeit zulässt. Aber sie ist auch befreiender, weil sie zeigt, dass Veränderung nicht erst im neuen Jahr beginnen muss. Sie beginnt in dem Moment, in dem du erkennst, welche Saat bereits aufgegangen ist.

 

Was habe ich bereits manifestiert?

 

Bewusstsein als Saat

Wenn Realität aus wiederholtem Bewusstsein entsteht, dann ist jede Gewohnheit, jeder innere Satz, jede automatische Reaktion eine Saat, die irgendwann gepflanzt wurde- oft ohne bewusste Entscheidung. Mabon gibt dir die Gelegenheit, diese Saaten zu sortieren, bevor die dunklen Monate beginnen.

Was davon soll weiterwachsen? Was hat seinen Zweck erfüllt und darf jetzt vertrocknen?

Diese Sortierung ist die eigentliche Vorbereitung auf Samhain. Während Samhain das radikale Loslassen einfordert, bereitet Mabon den Boden dafür vor, indem es zunächst Klarheit schafft. Du kannst nicht loslassen, was du nicht gesehen hast. Mabon ist der Moment des Sehens. Samhain ist der Moment des Handelns.

 

Fragen für deine wahre Ernte

 

Nimm dir für diese Fragen Zeit und Stille. Sie sind nicht dafür gedacht, schnell beantwortet zu werden.

  • Was ist dieses Jahr tatsächlich gewachsen, unabhängig davon, ob ich es geplant hatte?
  • Welcher Gedanke, den ich seit Monaten wiederhole, zeigt sich inzwischen in meinem Leben als Realität?
  • Wo habe ich gesät, ohne es zu bemerken- im Guten wie im Schwierigen?
  • Was habe ich investiert, ohne es je gewürdigt zu haben?
  • Welches Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen ist in meinem Leben gerade aus der Balance geraten?
  • Was würde ich mitnehmen, wenn ich wüsste, dass die dunklen Monate unausweichlich bevorstehen?
  • Bin ich bereit, ehrlich hinzusehen, oder suche ich noch nach Ausreden für das, was nicht gewachsen ist?

Hier findest du weitere tiefe Fragen für deinen Weg: Schattenarbeit

Rituale sind Momente der tiefen bewussten Verbindung mit uns selbst.

Das Äußere sind die Werkzeuge, die wir nutzen für diese Verbindung. Sie helfen uns anzukommen, präsent zu sein. Sie schenken uns die Brücke zur Stille und dem bewussten Moment mit uns, dem Leben, dem Kosmos, der Natur, unseren Ahnen, unserer ureigenen tiefsten Stimme. Wie in Religionen werden sie zu Insignien und Symbolen, die durch bewussten Akt Verbindung herstellen. Durch Wiederholung gewinnen sie an Kraft und Macht.

Wie wir diese Rituale letztlich gestalten, obliegt uns selbst. Entscheidend ist unser Bewusstsein und die klare Absicht.

Hier beschreibe ich dir ein einfaches Ritual.

Ritual: Die Waage von Mabon

Dieses Ritual braucht keine aufwendige Ausstattung. Es braucht Ehrlichkeit und, wenn möglich, einen Apfel- das traditionelle Symbol der Mabon-Ernte.

Suche dir einen ruhigen Moment, idealerweise in der Dämmerung, wenn Licht und Dunkelheit sich selbst die Waage halten. Schneide den Apfel horizontal durch und betrachte den Stern, der sich im Kerngehäuse zeigt- ein altes Symbol für die Verbindung zwischen sichtbarer Ernte und verborgenem Ursprung.

Nimm dir zwei Zettel. Auf den ersten schreibst du, was dieses Jahr tatsächlich gewachsen ist- die ehrliche Ernte, nicht die geplante. Auf den zweiten schreibst du, was du bewusst in die dunklen Monate mitnehmen willst, als Saat für das, was nach Samhain und der Wintersonnenwende neu beginnen soll.

Lies beide Zettel laut, wenn du kannst. Bewahre den zweiten Zettel auf- er wird dich in den kommenden Wochen begleiten, während die Tage kürzer werden. Iss ein Stück vom Apfel als Abschluss, bewusst, als Anerkennung dessen, was bereits da ist.

 

Loslassen heißt Erkennen

 

Was nach diesem Tag bleibt

Mabon markiert keinen Bruch, sondern eine Verschiebung. Die Waage neigt sich jetzt zur Dunkelheit, und das ist kein Grund zur Sorge, sondern eine Einladung zur Ehrlichkeit. Du hast gesehen, was gewachsen ist. Du hast entschieden, was du mitnimmst. Persephone steht bereits an der Schwelle- und wenn die Nacht dich schließlich einholt, im Oktober an Samhain, wirst du wissen, was du in der Hand hältst, wenn du selbst hindurchgehst.

Bis dahin wünsche ich dir, zutiefst verbunden mit dir selbst und dem Rhythmus des Lebens deine Ernte zu erkennen und zu würdigen. Auf dass du erkennen kannst, wie machtvoll dein schöpferisches Wesen ist.

Der nächste Beitrag folgt in Kürze: Samhain.

Wenn du dir auch dazu ein paar Impulse wünscht und ein Ritual, schau wieder vorbei oder trag dich in meinem Newsletter ein.

 

So long. Gehab dich wohl.

Pfade der Kraft

Ein weiterer spannender Artikel für dich: Embodiment- Manifestation durch Verkörperung: Wie du SIE wirklich verkörperst